Rede Rene Talbot zur Preisverleihung Uni Wuppertal 23.5.2022

Rede von René Talbot zur Preisverleihung
an der Universität Wuppertal am 23.5.2022

 

Sehr geehrte Damen und Herren
Sehr geehrter Herr Professor Kahle

Zuerst lassen Sie mich bitte kurz etwas zur Idee und zu den Hintergründen des Kurt Gödel Freundeskreis sagen:

Der Kurt Gödel Freundeskreis hat sich im September 2016 in Berlin mit dem Ziel gegründet , das wissenschaftliche Werk des Logikers, Mathematikers und Philosophen Kurt Gödel einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und aktuell zu diskutieren. Besonders Gödels Berechnungen zur einsteinschen Relativitätstheorie und den sich daraus ergebenden Folgen hinsichtlich des Zeitbegriffs sowie auch der Quantenphysik, sind Grundlage unserer Anstrengungen; als Stichworte wären da zu nennen: die Nichtexistenz der „Zeit“, „Welt ohne Vergangenheit“. Zeit wäre demnach also nur eine praktische, tradierte Erzählung, die Welt hätte demnach gar keine Vergangenheit.

Gödels Erkenntnisse sind deshalb nicht nur für Physiker und Mathematiker interessant. Sie führen wesentlich weiter und regen an, sich auch über grundsätzliche  philosophische Fragen Gedanken zu machen, beispielsweise wie denen nach dem Verhältnis von Leib und Seele, der zeitlichen Struktur des individuellen Bewusstseins unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Ursachen kausal zu einer Wirkung führen, Entscheidungen und Handlungen hingegen Gründe haben.

Mit der Auslobung der Gödel Preise wollen wir deshalb interdisziplinär Philosophie und Naturwissenschaften, sowie Kultur- und Gesellschaftswissenschaften ansprechen. Wir wollen Anregung geben und versuchen, Wissen mit Gewissheit, im Sinne von Kurt Gödel sozusagen unerschütterliches Wissen, jenseits irgendwelcher Meinungen und Moden zu schaffen. Musterbeispiel dafür sind Gödels Unvollständigkeitsbeweise in der Logik bzw. Mathematik.

Ein paar Worte noch  über die ersten beiden Gödel Preise 2019 und 2021.
Am Grunde von Natur- und Kulturwissenschaften sowie der Philosophie liegt die Frage, wie die Zeit zu verstehen ist. An dieser Schnittstelle dient der von der naturwissenschaftlichen Seite beinahe herablassend in Anspruch genommene Reduktionismus dazu vorzutäuschen, naturwissenschaftlich habe man alles im Griff und was noch offen sei, werde demnächst geklärt. Dem mit Gödel im Namen des Preises zu widersprechen, war die Aufgabe des ersten Essay Wettbewerbs. Es wurden die besten Fragen gesucht und prämiert, die Reduktionisten beantworten müssten, dies jedoch nicht können und warum. Die Ergebnisse waren ganz ausgezeichnet – bis heute kam kein einziger Widerspruch oder auch nur Versuch der Widerlegung der verschiedenen Argumente, die von Oliver Passon und Christoph Benzmüller in einem Buch beim Springer-Verlag herausgegeben wurden – dafür danken wir den beiden ganz ausdrücklich.

Nach der Entzauberung des Reduktionismus war der Boden bereitet für den zweiten Wettbewerb mit der Frage, was es für unser Weltbild bedeutet, wenn wir mit Gödel die Nichtexistenz der Zeit annehmen. Dabei kam eine Kontroverse zum Vorschein, ob dafür ein logischer Beweis angetreten werden muss, oder ob nicht Gödels Argumente für eine Entscheidung zumindest in der Physik hinreichend sind. Prof. Kahle hat seine Bedenken hinsichtlich eines Beweises vorgebracht. Hingegen legte sich der Quantengravitations-Physiker Prof. Kiefer fest, dass die Zeitlosigkeit „der Welt in der Wissenschaft allmählich Fuß“ fassen wird. Für eine Entscheidung dürfte eine wesentliche Rolle spielen, dass sich herausgestellt hat, dass das sog. spectral-gap Problem in der Quantenphysik unentscheidbar ist. Das wurde 2015 von Prof. Michael Wolf zusammen mit Toby S. Cubitt und David Perez-Garcia in Nature veröffentlicht.
Damit ist es illusorisch geworden, eine Mikro-Physik noch von einer Makro-Physik bzw. Kosmologie zu unterscheiden, da es auch bei theoretisch vollständiger Kenntnis aller Mikrozustände unmöglich ist, daraus den Makrozustand eines Materials zu bestimmen. Um die Folgen dieser Feststellung soll sich nun der dritte Wettbewerb drehen, den wir im Anschluss an diese Veranstaltung mit der Jury endgültig festlegen wollen.

Der gesellschaftliche Ort institutionalisierter Wissensproduktion ist die Universität. Deshalb freuen wir uns besonders über die Unterstützung der Bergischen Universität Wuppertal. Vor allem Oliver Passon hat diese Kooperation vermittelt. Wir möchten uns ganz ausdrücklich für sein Engagement bedanken!

Gestatten sie mir abschließend noch ein paar Anmerkungen zur Person Kurt Gödels und dem „big white elephant in the room“, wenn über ihn behauptet wird, er sei „geisteskrank“ gewesen*, weil er psychiatrisiert worden war, zwangsweise. Es ist eine Verleumdung auch dann wenn sie inzwischen als „psychisch krank“ euphemisiert wird.
Da dieser Hörsaal auch an der Max Horkheimer Straße liegt, dazu ein Zitat von ihm aus einem Brief an Theodor Adorno vom 28. August 1941:

»Die Ermordung der Irren enthält den Schlüssel zum Juden-Pogrom … Daß sie von den Zwecken und Zielen, in deren Dienst das Leben der Heutigen verläuft, nicht genauso gebannt sind wie die Tüchtigen selbst, macht die Irren zu unheimlichen Zuschauern, die man wegschaffen muß … Wieder und wieder sollte sich erweisen, daß Freiheit nicht möglich ist.«

Kurt Gödel hat damals in der Atmosphäre dieser wissenschaftlich begründeten medizinischen Massenmorde von 1939 -1949 gelebt. In einer Zeit,  in der in Österreich und Deutschland eine psychiatrische Diagnose regelmäßig ein Todesurteil war. Wie kann man Kurt Gödel dann noch verdenken, dass er eher zurückgezogen lebte und misstrauisch geworden war? Insbesondere war er extrem vorsichtig, bei dem was er zu sich nahm. Nach dem Tod seiner Frau Adele könnte man sogar sagen, dass er über-vorsichtig war, was leider zu seinem Tod führte.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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* darüber hat Sandra Takano 2019 im Gödel Seminar von Christoph Benzmüller berichtet: Seite 34 der Präsentation:
http://page.mi.fu-berlin.de/cbenzmueller/2019-Goedel/SlidesTakano.pdf