Begründung des Preisausschreibens

Kurt Gödel – der große Verunsicherer

Ich beginne meinen Beitrag mit einem Zitat von Prof. John Lucas aus seinem Buch „Reality and Time“: „I find in Gödel’s theorem good reason for rejecting the reductionist tendency of our age.“

Als erstes möchte ich die Aufmerksamkeit von dem, was Kurt Gödel sagte, auf das, wie er es gesagt hat, lenken.
Dabei ist ein entscheidender Unterschied festzustellen: In den letzten Jahren konzentrierte sich die Aufmerksamkeit auf die unveröffentlichten Notizen und Aussagen Gödels. Insbesondere Hao Wang hat mit seiner Veröffentlichung „A Logical Journey“ dazu beigetragen, dass sich die Gödel Rezeption praktisch nur darum drehte.

Das sind aber nur zu Papier gebrachte Gedankenspiele von Kurt Gödel, Überlegungen wie ein Probehandeln. Grundlegend unterschiedlich dazu ist alles das, was Kurt Gödel selbst autorisiert hat, dass es veröffentlicht wird.
Dazu gehört sein Beweis dass es „In jedem Universum, das sich mittels der Relativitätstheorie beschreiben lässt, keine Zeit gibt.“, den er, sozusagen als intellektuelles Geschenk für Albert Einstein, zu dessen 70. Geburtstag veröffentlichte.
Es ist das Verdienst von Prof. Palle Yourgrau, diesen nahezu völlig unbedacht gebliebenen Beweis in seinem Buch Gödel, Einstein und die Folgen wieder in den Mittelpunkt gestellt zu haben.

Dazu ist zu sagen, dass Kurt Gödel diese Unterscheidung selber geradezu akribisch gemacht hat. Die Biographen berichten übereinstimmend, dass er extrem vorsichtig damit war, was er zur Veröffentlichung ausgewählte und dass er nur dann, wenn er sich absolut sicher war, etwas veröffentlicht hat. Er hat es nur versäumt zu verfügen, dass alle Notizen usw. nach seinem Tod vernichtet werden sollen, wie es z.B. Michel Foucault angeordnet haben soll, was allerdings nicht korrekt befolgt wurde. Ein solcher Wunsch ist verständlich, weil es nur allzu menschlich ist, Fehler zu machen und sich zu irren. Gerade auch auf Kurt Gödel trifft das zu, hat er sich doch z.B. eine erheblichen Teil seines Lebens davor gefürchtet, vergiftet zu werden, was sicherlich nicht der Fall war.

Auch Srećko Kovač betont in seinem Text: On Causality as the Fundamental Concept of Gödel’s Philosophy, Zitat:
It should be noted that Gödel’s Max Phil manuscripts, which we make use of, were not aimed for publication, …
Ich denke, vielleicht tut man Kurt Gödel Unrecht, wenn man sich gerade auf seine Gedankenspiele bezieht, die er mit Absicht nicht veröffentlichte. Mögen sie auch die Neugierde befriedigen, was sich Kurt Gödel da so alles gedacht hat, aber dabei riskiert man, dass mit einer Veröffentlichung der mutmaßliche Wille und die Privatsphäre von Kurt Gödel missachtet werden.
Dagegen sind seine veröffentlichten Beweise logisch gesicherte Wahrheit, ohne dass ein Rest von Zweifel noch Spekulationen zulässt und hinter der die Person Kurt Gödel mit ihrem gesamten Lebenswerk steht. Dazu gehört insbesondere auch Gödels Beweis, dass es in einem Universum in dem Einsteins Relativitätstheorie gilt, keine Zeit gibt, zumindest nicht in dem bisher geläufigen Verständnis. Unter anderem diesen Beweis und insbesondere dessen philosophische Konsequenzen zu verstehen, hat sich der Berliner Kurt Gödel Freundeskreis vorgenommen. Dazu hat er den Vorschlag einer Welt ohne Vergangenheit zur Diskussion gestellt. Die Quantenmechanik, insbesondere in deren De-Broglie-Bohm Interpretation, lässt sich meines Erachtens mit diesem Beweis ausgezeichnet vereinbaren. Am 9. Dezember 2015 haben nun Toby S. Cubitt, David Perez-Garcia und Michael M. Wolf in der Zeitschrift „Nature“ berichtet, dass ein vielen fundamentalen Fragen der Teilchen- und Quantenphysik zugrunde liegendes mathematisches Problem nachweislich unlösbar ist: Es ist auch bei theoretisch vollständiger Kenntnis aller Mikrozustände unmöglich, daraus den Makrozustand eines Materials zu bestimmen. Damit werden die Quanten- bzw. Mikrophysikalischen Ungewissheiten ins Makrophysikalische getragen. Und was bedeutet das dann alles?

Kurt Gödel hat die wissenschaftliche Welt gründlich und mehrfach aus den Angeln gehoben.
Relativ breit wurde sich damit in der Mathematik befasst. Aber wurde auch wirklich verstanden, dass sich daraus konsequent ableiten lässt, dass es wahre Aussagen ohne Beweisbarkeit gibt – also Wahrheit ohne Beweis?
Das ist schon eine riesige Zumutung, insbesondere wenn Wissenschaft den Anspruch erhebt, allgemein wahre Aussagen, jenseits von Subjektivität in einem kausalen Gerüst zu beschreiben, bzw. zu erforschen.
Dieses kausale Gerüst wird basal in Frage gestellt, wenn es keine Zeit gibt. In welchem Sinne soll dann noch von Kausalität gesprochen werden, wenn die zeitliche Ordnung für ein Wenn, dann und nur dann, verloren geht, sondern nur noch die Beobachtung übrig bleibt, die Welt sei alles, was der Fall ist?
Mit Kurt Gödels Beweis der Nichtexistenz bzw. Scheinexistenz der Zeit ist ihm in der Physik dieselbe Verunsicherung wie in der Mathematik gelungen. Das ruiniert gründlich den gängigen Reduktionismus, der behauptet, von diesem vermeintlich sicheren Terrain Erklärungen der Welt ableiten zu können. So ist meines Erachtens Kurt Gödel zum größten Verunsicherer geworden. Er hat die wissenschaftlichen Gebiete zutiefst erschüttert, die als der vermeintlich sichere Boden gewähnt wurden, auf den sich Naturwissenschaften, Chemie, Biologie, Medizin usw. aufbauen lassen sollten.
Was alles neu gedacht werden muss und welche Folgen das für die Philosophie haben wird, ist noch längst nicht abzusehen.

Aus diesem Zusammenhang erklärt sich, warum der Freundeskreis ein Preisausschreiben für einen Kurt Gödel Preis 2019 zur Förderung anti-reduktionistischen Wissens in Natur- und Geisteswissenschaften ausschreibt. Dieser Preis soll im Rahmen eines Essaywettbewerbs für die beste Frage vergeben werden, die Reduktionisten beantworten müssten, dies jedoch nicht können und warum. Die Teilnahmebedingungen dazu sind hier verteilt worden und werden in der Homepage des Kurt Gödel Freundeskreises www.kurtgoedel.de veröffentlicht.

Durch diesen Wettbewerb wie auch durch die Beteiligung an der Veranstaltung unten, hoffen wir neue Mitglieder für den Freundeskreis zu gewinnen, so dass wir dann auch formell den Freudeskreis als Verein gründen können. Wer interessiert ist, bitte Kontakt über die Homepage des Freundeskreises aufnehmen.

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Vom 26. 2 – bis 1. 3. 2019 fand mit Unterstützung des Kurt Gödel Freundeskreises ein Blockseminar und als Teil davon am 27.2. ein Workshop an der Freien Universität Berlin, Institut für Mathematik und Informatik statt. Thema:

Kurt Gödel – Philosophical Views

Alle Details incl. der Powerpoint-Presentationen in der Website der FU siehe hier

Teil des Workshops war die Bekanntgabe der Ausschreibung des Kurt-Gödel-Preises 2019 und die Begründung dafür, siehe oben.

Bildergalerie des Workshops