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Welche philosophischen Konsequenzen ergeben sich aus den
neuesten Erkenntnissen der Quantenphysik

Ziel des Freundeskreises ist es, Leben und Werk des Mathematikers und Philosophen zu würdigen. Insbesondere seinen kaum beachteten Beweis von 1949 zum unverstandenen Charakter der Zeit wollen wir bekannter machen und uns widmen.


Welt ohne Vergangenheit

Vorwort
Der Unvollständigkeitssatz von Kurt Gödel mit dem Beweis von Unbeweisbarkeit wahrer Aussagen in der Arithmetik ist wohl bekannt. Nahezu unbekannt ist hingegen der Beweis von Kurt Gödel geblieben, dass es die Zeit in einem Universum, in dem die Relativitätstheorie gilt, nicht gibt, zumindest nicht in der Weise, wie sie gängige Vorstellung bei uns ist. Kurt Gödel hat ihn in einem Buch zu Albert Einsteins 70. Geburtstag veröffentlicht: Goedel, Kurt, 1949. An example of a new type of cosmological solutions of Einstein’s field equations of gravitation1
Das diskutiert er ebenfalls in seinem späteren Aufsatz: Gödel, Kurt, 1956: Eine Bemerkung über die Beziehungen zwischen der Relativitätstheorie und der idealistischen Philosophie.2
Prof. Palle Yourgrau hat 2005 in seinem Buch „Gödel, Einstein und die Folgen“ in einfachen Worten eine Erklärung von Gödels Beweis veröffentlicht, siehe hier.

Wegen der Radikalität seiner Aussage hat es darüber nahezu keine offene Debatte gegeben.
Mein Vorschlag ist, in der Lebensform eine Erklärung über die Zeitvorstellung zu suchen.
Unterschiedlichen Lebensformen liegen unterschiedliche Zeitvorstellungen zugrunde:
Beispielsweise ist die von John Mbiti in seinem Werk Afrikanische Religion und Weltanschauung3 beschriebene Zeitauffassung in ursprünglichen afrikanischen Lebensformen grundsätzlich anders und korrespondiert dort mit deren Oralen Tradition: sozusagen eine „begeisterte“ horizontale Erlebniswelt. Ähnlich so zu finden bei den Pirahã-Indianern. Die Zeit, bzw. der richtige Zeitpunkt, der Kairos, wird geahnt, nicht durch Messung bzw. Uhren bestimmt.
Ein anderer, ähnlicher Vorschlag zur Erklärung ist das nur scheinbare Vergehen von Vergangenheit, sondern deren tatsächlich dauernde Präsenz in einer…

Welt ohne Vergangenheit.
Eine solche Interpretation von Gödels Beweis hat durch die folgende Nachricht eine neue Grundlage gefunden:
Am 9. Dezember 2015 berichteten Toby S. Cubitt, David Perez-Garcia und Michael M. Wolf in der Zeitschrift „Nature“, dass ein vielen fundamentalen Fragen der Teilchen- und Quantenphysik zugrunde liegendes mathematisches Problem nachweislich unlösbar ist: Es ist auch bei theoretisch vollständiger Kenntnis aller Mikrozustände unmöglich, daraus den Makrozustand eines Materials zu bestimmen! Siehe Unberechenbare Festkörper hier4 und hier5.
Vollständiger Original Text: http://arxiv.org/pdf/1502.04573v2.pdf
Supplementary Discussion: http://eprints.ucm.es/38062/1/spectral-gap_supplementary.pdf
Zitat Michael Wolf, Professor für Mathematische Physik an der Technischen Universität München: „Bisher fanden sich solche [prinzipiell unentscheidbare Probleme] jedoch nur in sehr abstrakten Winkeln der theoretischen Informatik und der mathematischen Logik. Niemand hätte so etwas mitten im Herzen der theoretischen Physik erwartet. Doch unsere Ergebnisse ändern dieses Bild,….denn die unüberwindliche Schwierigkeit liegt gerade in der Herleitung der makroskopischen Eigenschaften aus einer mikroskopischen Beschreibung.“

Damit ist den Hoffnungen in der Physik das gleiche Ende bereitet, wie Kurt Gödel den Hoffnungen des Hilbert Programm in der Mathematik ein Ende bereitet hat.

Wenn es also prinzipiell nicht mehr möglich ist, Makrozuständen von Mikrozuständen abzugrenzen bzw. zu unterscheiden, dann gelten die Mikrozustände auch für die Makrozustände, die Quantenphysik ist nicht mehr auf eine atomare Mikrowelt beschränkbar, sondern für die ganze Physik maßgeblich. Das wurde auch schon von den Meeres-Wellenforschern anerkannt, die damit eine Erklärung der Häufigkeit von „Freakwaves“ bekommen haben6 .

Entsprechend kann einerseits nie mehr von einem starren, kausalen Geschehen gesprochen werden, sondern immer sind nur verschiedene Risiken, bzw. Wahrscheinlichkeiten berechenbar und damit vorhersagbar, bzw. im konstruktiven Bereich können nur nötige Sicherheitszuschläge als plausibel veranschlagt werden.

Andererseits wirkt sich das auf die Zeitkonzeption so aus, dass Gegenwart als das Integral über nur scheinbar Vergangenem verstanden werden sollte. Sie ist wie durchsichtiger Blätterteig mit Schichten von Gleichzeitigkeitsmomenten (gleicher Inertialsysteme), der verpresst wurde, oder wie viele durchscheinende Folien Lagen, die untereinander verschweißt ein Bild in der Durchsicht ergeben – das Jetzt. Schriften und Bilder (Macht konstituierende Vor-Schriften) täuschen eine „Delaminierung“ vor, wirken wie lokale Inseln einer Zeitlichkeit mit einem gegenüber Geschehenem jeweils abgeschlossenen Jetzt, angeblicher „Vergangenheit“.

Alle Wiederholung, je ähnlicher sie sich sind, verstärken umso mehr die Kontraste in dieser Durchsicht. Vergangenes bleibt im Jetzt bestehen, ist darin aufgehoben, also präsent, nicht vergangen. Es gibt zwar eine Zählung von aufeinander folgenden Momenten, aber die Möglichkeit von Zählung ist selbst wiederum nur eine Resonanz von sich selbst. Diese Resonanz wirkt wie die „Wellenbildung“ einer stehenden Welle in einem ständig sich weiternden Informationsladungs“feld“ – so erklärt sich auch die immer nur zunehmende Entropie. Entropie ist Ausdruck einer solchen sich komplizierenden Welt.

Reaktionen sind „vertikal“ durch Wiederholung erzwungen, ja deterministisch, aber vor allem horizontal wechselwirkend „kreativ“ verändernd und unvorhersehbar da „undurchsichtig“, welche Resonanz-Ursachen wirksam sind und insbesondere welche Gründe das Handeln aktuell bestimmen. Es gibt trotz kausaler Ursachen weder irgendeine Handlungsbeschränkung, noch sichere Vorhersagbarkeit.

Wahrscheinlich muss dieses Konzept noch durch eine Beschreibung des Anfangs ergänzt werden:
Meine grundlegende Überlegung ist die, dass die Quantenphysik die Basale und zu Raum und „Zeit“ unscharf ist. Die Relativitätstheorie usw. ist demgegenüber sekundär, wie ja auch bei allen „Urknall“-Konzepten „Zeit“ erst aus einem vorherigen Immer schon durch Ausbreitung von Feldern, Energien und Teilchen langsamer als Lichtgeschwindigkeit entstanden sein kann.

Es geht also nur um eine Einpassung der Relativitätstheorie in die Quantentheorie, nicht mehr um eine Quantisierung der Relativitätstheorie.
Für den Anfang des Universums schlage ich deshalb ein Konzept einer sich gewöhnenden Welt vor, in der sich die Naturkonstanten (insbesondere die Feinkonstante) erst gebildet haben, sozusagen einen Rhythmus angenommen, angegeben und vorgegeben haben. Zum Ursprungszustand kann nur gesagt werden, dass er entweder schon immer begonnen hatte (unendlich zurück liegt) und/oder den ganzen Raum überhaupt umfasst. Beide Zustände sind möglich und nur eine (falsche) Projektion täuscht vor, die Welt habe einen sicher datierbaren Anfang genommen und sie sei aus einer Nichts-Singularität entstanden.
Viel mehr spricht dafür, dass diese falsche Projektion einen verdeckten unerkennbaren Teil des Universums sozusagen „unterschlägt“, der außerhalb dieser Rückwärtsprojektion liegt. Und z.B. die verdächtig unsichtbare „Dunkle Materie“ enthalten könnte.

Eine „sich gewöhnende“ Welt tritt an die Stelle einer Konzeption von Natur-„Gesetzen“, also Gewohnheiten statt Gesetzen. Oder – als ob Gesetze gewordene Gewohnheiten.
Entsprechend basiert Erinnerung bzw. Gedächtnis auf Filtervorgängen, also Vergessen, nicht auf einer „Speicherung“ – alles Vergangene bleibt ja präsent. Damit böte sich eine neue Erklärung des Blindsehens und des unbewussten automatischen Gewohnheitshandeln wie auch des intuitiven Ahnens.
Eine Phylogenetik wird erklärbar und nicht die Ontogenetik ist ungeklärt, sondern Gedächtnis bzw. Erinnerung ohne lokalisierbaren Speicher ist die offene Position von Physik und Biologie, die mit diesem Ansatz aufzuklären wäre; insofern hat Rupert Sheldrake7 einen – zwar richtigen – Ansatz nicht zu Ende gedacht, nicht ganz durchdacht. Er ist im biologistischen Sumpf stecken geblieben. Er versucht immer noch „wissenschaftlich“ etwas zu beweisen, was nicht beweisbar ist, da es – wie Wittgenstein es genannt hat – sich eben nur „mystisch“ zeigt. In den „Verborgenen Variablen“ der Interpretation der Quantenphysik, wie David Bohm8 sie konzipiert hat, ist es undecktierbar, wie „unsichtbar“, also keinerlei Vorausberechnungen zur Bestätigung bzw. Wiederlegung zugänglich.
Möglich, „erlaubt“ sind wenn, dann nur Spekulationen.
So lauert eben überall das Unentscheidbare und Ungewisse.

Franz Bockelson im September 2016

———————
1 Reviews of Modern Physics 21(3): 447-450
2 in: Albert Einstein als Philosoph und Naturforscher, hrsg. von Paul Arthur Schilpp, Stuttgart, Kohlhammer, 406-412
3 https://www.amazon.de/Afrikanische-Religion-Weltanschauung-Gruyter-Studienbuch/dp/3110024985
4 http://www.pro-physik.de/details/news/8654141/Unberechenbare_Festkoerper.html
5 http://www.tum.de/die-tum/aktuelles/pressemitteilungen/kurz/article/32791/
6 „Um Monsterwellen erklären zu können, sind komplexe Modelle notwendig. So wandte Alfred Osborne, Professor der Physik an der Universität Turin, erstmals 1965 die quantenmechanistische Schrödingergleichung zur Beschreibung der nichtlinearen Ausbreitung von Hochseewellen an. Entsprechend diesen Gleichungen entsteht die Monsterwelle eher zufällig aufgrund von Welleninstabilitäten, indem sie lokal aus ihren umgebenden Wellenzügen Energie absaugt und dadurch viel höher als die umgebenden Wellen werden kann. Seine frühen Arbeiten wurden von Ozeanografen nur wenig beachtet. Osborne verwarf diese Berechnungsmethode – bis 1995 auf der Ölbohrplattform Draupner-E in der Nordsee eine einzelne Welle registriert wurde, die exakt Osbornes Vorhersagen entsprochen hatte. Die Nichtlinearität von Wasserwellen ist seitdem anerkannt und wird seit etwa 2001 von Schiffbauern berücksichtigt“, zitiert aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Monsterwelle
7 http://www.sheldrake.org/deutsch/das-gedaechtnis-der-natur
8 https://www.amazon.de/gp/product/3808554444

Ein Gedanke zu „Startseite“

  1. Dazu passend möchte ich auf folgenden Vortrag von mir hinweisen, den ich 2002 bei der Konferenz der Radical Philosophy Association in der Brown Universität in Rhode Island gehalten habe:

    Die Antwort auf die Leib-Seele Frage
    als wesentliches Mittel zur sozialen Kontrolle und Unterdrückung

    …Bitte wundern Sie sich nicht, wenn Sie zunächst keinen roten Faden in meinem Beitrag finden sollten. Er ist bewußt als ein Patchwork in 6 Stücken angelegt, das sich erst am Ende als ganzes Bild zu erkennen gibt, obwohl noch eine ganze Reihe von Puzzlestücken dazwischen fehlen mögen.

    Patch Nummer 1
    Zunächst ein paar prinzipielle Überlegungen zum Geist-Körper Verhältnis

    Es handelt sich ja nur um zwei Begriffe, und die logischen Möglichkeiten ihrer Beziehung sind sehr leicht überschaubar: Ich beginne mit der mainstream Behauptung – und möchte auch gleich anmerken, daß sie meiner Ansicht nach falsch ist.

    a)
    Diese Position [im weiteren a) genannt] behauptet, Geist und Körper sind identisch, bzw. in einer Funktion vom Körper ableitbar, somit der Geist – mentales Erleben etc. – durch den Körper ausforschbar.
    Als Fußnote: Typischerweise sind Esoteriker genauso von diesem Verhältnis überzeugt, behaupten nur umgekehrt: der Körper sei durch den Geist ableitbar.
    Das heißt ausbuchstabiert:
    Der Geist sei das unmittelbare Produkt des Gehirns. Die Untersuchung des Gehirns ergebe eine vollständige Erklärung des Geistes. Dies ist ungefähr ab Immanuel Kant die paradigmatisch vorherrschende Position, seit dieser die Metapher der angeblich „Geisteskrankheit“ als „Kopfkrankheit“ lokalisierte. Warum ich diese Position an ihrem Verhältnis zu angeblicher „Geisteskrankheit“ festmache, vermittelt sich am Ende des Vortrags.

    Befestigt und verstärkt wurde diese Position von Wilhelm Griesinger. Geisteskrankheit ist von nun an nicht mehr nur Kopf – sondern weiter reduziert – Gehirnkrankheit und von da ist es nur noch ein kleiner Schritt z.B. zu Viktor von Weizsäcker oder Carl Schneider, angeblich „Wissenschaftlern“, die sich mit ihren Hirnschnellschnitten an frisch ermordeten Opfern endlich dem Geist, sei er nun deviant oder auch nicht, auf der Spur wähnten. Derselbe Fanatismus beseelte auch z.B. Oskar Vogt, den Direktor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnforschung in Berlin, und die sowjetischen Wissenschaftler mit ihren Hirnsammlungen und Hirnschnitten von Lenin und anderen verstorbenen „Genies“.

    In genau dieselbe Kategorie gehört die seit den 40er Jahren als „cognitive turn“ bezeichnete Assoziierung des Gehirns mit einem funktionalen Apparat, dem kurz danach gebauten Computer. Wieder wurde nach einer Zuordnungsvorschrift, einem Algorithmus gesucht, nach dem das Gehirn funktionieren sollte, und wie sich Gehirnfunktionen elektronisch simulieren lassen. In diese Zeit fällt selbstverständlich auch das Aufkommen des psychiatrischen Elektroschockens als besonders üble Form der Folter. Diese Phantasie ist inzwischen durch den massenweisen Umgang mit Computern und dem Wissen von Software als molekular materiell verortbarer Information sehr dominant geworden. Tatsächlich geht es in dieser Assoziation allerdings um Computersprache als eine Sprache in ausschließlicher Befehlsstruktur: Die Phantasie des Herren- bzw. Militärmenschen wird bedient. Endlich Befehle geben können, die auf bedingungslosen Gehorsam treffen, und wenn es auch nur die Tastatur ist, der alte Traum der Herrschaft.

    a 1) auch als Primat des Biologischen bezeichnet. Dabei wird das Biologische zum Paradigmatischen und Determinierenden, sei es als Vererbungslehre oder als Hirnstoffwechsel, bzw. wiederum irgendwelche elektrische Vorgänge. Um nicht völlig in einer unhaltbaren Position a) zu verschwinden, wird zugestanden, daß es möglicherweise undeterminiertes Geschehen im Gehirn gebe und es im Zusammenspiel mit der Umwelt und ihrem Feedback zu Unvorhersagbarem kommt. In der Regel wird aber dabei nur das banale Zugeständniss gemacht, „daß noch nicht alles Erforscht sei“ und zukünftig eine vollständige Erklärung gegeben werden kann.
    Kurz gesagt: es werden offene Positionen in der Bestimmung des Verhältnisses „Geist/Körper“ zugelassen, aber diese sind marginal. a) + a1) werden von der gesamten Psychiaterzunft inklusive der Psychoanalytiker und selbstverständlich der Drogenindustrie vertreten.

    b)
    Im Gegendsatz zu der Position a) +a1) steht die Auffassung, daß „Mind“ und „Body“ voneinander unabhängige Entitäten sind, im Folgenden b) genannt. Damit geht einher:
    eine Unterscheidung in eigene Gedanken im Gegensatz zum Resultat einer untersuchbaren deterministischen Kaskade, und das Subjektive, private Unwissbare einer prinzipiellen Unbestimmbarkeit des Mentalen. Als Randbemerkung sei vermerkt, daß man sich in radikaler Konsequenz auf Goedels Unvollständigkeitssatz berufen könnte [siehe The Godelian Argument von J. R. Lucas, entdeckt 2011]….

    Vollständig hier veröffentlicht: http://www.irrenoffensive.de/providence_deutsch.htm

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